von Dieter Weiand
Dabei handelt es sich nicht allein um von den Medien dramatisierte Zustände. Anfang Januar hat eine Kontrolle der Stockholmer Provinzialregierung ergeben, daß von 24 untersuchten Alten- und Pflegeheimen bei gerade einmal drei Heimen nichts zu beanstanden war. Die 21 restlichen Anstalten wiesen mehr oder weniger schwerwiegende Mängel auf. So wurde in einem Heim an gewissen Tagen einfach kein Essen ausgegeben - in einem anderen durfte nur an bestimmten Tagen geduscht oder gebadet werden.
Für Marit von Rosen, die diese Untersuchung durchgeführt hat, liegt die Erklärung für diese Zustände auf der Hand: "Was viele Heime gemeinsam hatten, war, daß einfach zuwenig Personal eingesetzt wurde. Es gab beispielsweise kaum Urlaubs- oder Krankenvertretungen." Das krasseste Beispiel der Untersuchung kommt aus dem Stockholmer Vorort Bromma, wo an einem Abend eine einzige Krankenschwester für 226 Pflegebedürftige verantwortlich war.
"Solche Meldungen haben viele ältere Menschen in Angst und Schrecken versetzt", sagt Åsa Fasth. Sie ist Leiterin der Pflegeheimes "Ekgården", einer der wenigen Anstalten ohne Beanstandung. "Unser Ruf hat trotzdem sehr gelitten, seit diesen Berichten. Ich muß mich oft verteidigen, wenn ich erzähle, was ich beruflich mache", fährt sie fort.
Die Berichte über die Mißstände in der Altenpflege haben in Schweden zu Selbstzweifeln am eigenen Wohlfahrtssystem geführt. Schule, Pflege und Fürsorge hätten unter dem Sparkurs der sozialdemokratischen Regierung am meisten gelitten. Bei den Wahlen im vergangenen Herbst konnten deshalb die Christdemokraten ihren Stimmenanteil mit zwölf Prozent nahezu verdreifachen. Die Partei hatte vor allem auf die Situation alter Menschen in Schweden aufmerksam gemacht. Den Sozialdemokraten wird dagegen die Schuld gegeben, die soziale Verantwortung in die falschen Hände gelegt zu haben.
"Früher war alles in öffentlicher Regie wie "Ekgården" jetzt noch ist. Jetzt sind viele Heime privatisiert. Das geht einfach nicht, die Altenpflege mit dem Ziel zu betreiben, Gewinne zu erwirtschaften ", so der 88jährige Åke Rydelius, ein Heimbewohner, der sich im "Ekgården" wohl fühlt und auch keine Angst hat, daß sich daran etwas ändern könnte.
Die Probleme der schwedischen Altenpflege liegen laut Marit von Rosen jedoch nicht allein an zu wenigen Pflegern oder zu wenig finanziellen Mitteln. Oft fehle es einfach an einer Pflegephilosophie und einem durchdachten Konzept in den Heimen, so die Gutachterin.
"Viel kommt auf den Kenntnisstand des Personals und der Führungskräfte an. Nur wer gut ausgebildet ist und schon länger mit der Altenpflege gearbeitet hat, kann wissen, worauf es ankommt," meint dazu auch Åsa Fasth und unterstreicht - im Gegensatz zu Rydelius - daß es nicht darauf ankomme, ob die Heime in öffentlicher oder privater Regie geführt werden. "Die Berichte in den Medien mögen in gewisser Weise übertrieben gewesen sein. Das gute daran ist jedoch, daß wir jetzt endlich eine Diskussion darüber führen, wie wir unsere Arbeit täglich leisten können und welche finanzielle Mittel wir dazu brauchen," sagt Åsa Fasth. Copyright Dieter WeiandStockholm Alte Menschen, die sich in ihren Betten wundgelegen haben und in der Woche nur einmal an die frische Luft kommen. Altenheime, wo den Insassen das Frühstück um halb zwölf gebracht wird und das Abendessen um halb fünf. Menschen die festgebunden an Bett oder Rollstuhl in den Heimen apathisch dahinsiechen. Noch vor einem Jahr glaubten die Schweden, daß solche Zustände vielleicht in anderen Ländern gelten aber nicht in ihrem "Volksheim", der Hochburg der sozialen Wohlfahrt. Doch mit erschreckender Regelmäßigkeit häufen sich die Meldungen, daß es sich hier um die Beispiele der Altenpflege im eigenen Land dreht.